Das traditionelle Bretzelfest in Speyer ist gestartet und gut vorbereitet.
Gewiss, Feste müssen gefeiert werden. Selbstverständlich scheint die Sonne und
die Bretzel lacht, denn heute wird der Tag zum Fest gemacht. Pünktlich darf auch
das obligatorische »Hand in Hand« gegen Rassismus nicht fehlen. Bunt und
vielfältig muss es sein! Folgerichtig muss das Speyrer Mega-Event auch für das
2. schwul-lesbische Festzelt mit Shows herhalten; das seinen Höhepunkt am
»Pink-Monday« findet. Nichtweniger stärkt der Bundesgerichtshof (BGH)
anderenorts die Position von gleichgeschlechtlichen Paaren und erkennt eine
doppelte Elternschaft an. Einer Eintragung von modernen, toleranten und
weltoffenen Konstruktionen in Form: »Mutter, Mutter oder Leihmutter (Co.
Vaterschaft) und Kind« steht nichts mehr entgegen. Müssen wir uns nicht endlich
die Frage stellen: Wo bleibt der Aufschrei unserer Gesellschaft? Oder ist dies
der allgemeine Tenor unserer Gesellschaftsordnung?

 

 

Im Grunde müssen wir erkennen, dass die Autonomie des Individuums im Vordergrund
steht. Das Gesellschaftsbild der Aufklärung lehrte uns ein aufgeklärtes und
freies Individuum. Im Sinne der Demokratie wurde der Mensch frei und die
Staatsverfassung zum Träger freier Individuen. Gingen in der Dynamik der
weltweiten Demokratisierung die Forderungen der Freiheit weit über das
eigentliche Ziel hinaus? Diese Frage spielt keine Rolle. So treiben wir
Mißbrauch mit unserer Freiheit und beseitigen jedwede Art von Fesseln. Uns ist
es gleichgültig geworden, was wir sind oder einst waren. Das Geschwür der
»siècle de lumière« hat unsere Familien und unsere Gesellschaft wie ein
Krebsschaden zerfressen. Die Folgen sind deutlich erkennbar und wir sehen sie
mit eigenen Augen. Selbst wenn wir den Versuch unternehmen diesen Pol
aufzubrechen, dann laufen wir in eine Einbahnstraße. Wer sagt denn: die Freiheit
der »libres-penseurs«, »liberi pensatori«, »Freidenker« und braven Fürsprecher
der modernen Ideen führen uns zur Unfreiheit? Was ist nur mit unserer
Gesellschaft geschehen?
Warum werden die natürlichen Verantwortlichkeitsbereich zwischen Mann und Frau,
innerhalb und außerhalb der Familie, aufgelöst? Nein, sie werden nicht nur
aufgelöst, sondern einem Geschlechterkampf unterworfen. Unerkannt treibt er sein
Unwesen in den Parlamenten, in den Universitäten und auf den verbrannten
Trümmern unserer Museen. Im Denken der 70er Jahre vollzog sich eine Wandlung,
die die nachfolgenden Generationen depressiv und empfindungslos zurückließen.
Nicht weniger sprechen wir heute über neurotische Singlehaushalte und
zersplitterte Familien. Wenn wir davon sprechen, dass der kulturpolitische Kampf
der 70er Jahre fortbestand hat, dann greifen wir den liberalen Wunsch nach
Gender-Gleichheit auf. Diese Forderung wuchs weit über den Wunsch einer
Chancengleichheit für Frauen hinaus und schaffte uns eine künstliche Kultur, die
wir als drittes Geschlecht einzuordnen haben. Unstreitig förderten die
Forderungen der 70er Jahre die Entstehung der Transgender und dessen
Gleichberechtigung innerhalb der CSD-Kultur. Das Ergebnis sehen wir heute in
Form des »Pink-Monday« in Speyer.

Herwig Kerscher